Die Chancen und vor allem die erheblichen Risiken der digitalen Medien für Kinder und Jugendliche verdeutlichte Karl-Heinz Zmugg in seiner Online-Keynote. Der Traumafachberater, Schauspieler und Mitarbeiter bei „Innocence in Danger e. V“ informierte über Formen, Gesetze, Haltungen und Handlungsstrategien im digitalen Raum. Sein Vortrag „Sexualisierte Gewalt mittels digitaler Medien“ war ein dringender Appell an Lehrkräfte wie Eltern, die Augen nicht zu verschließen. Zmugg machte unmissverständlich deutlich: 80 bis 90 Prozent aller Fälle sexuellen Missbrauchs finden im sozialen Nahfeld statt – und dieses Nahfeld hat sich durch das Internet massiv erweitert. Plattformen, Gaming-Communities und soziale Netzwerke wie z.B. TikTok sind keine harmlosen Spielwiesen mehr, sondern Orte, an denen Täter gezielt zuschlagen können.
„Wie ein Dreirad auf der Autobahn“
Zmugg verglich Kinder in sozialen Medien mit einem „Dreirad auf der Autobahn“: „Viele werden zu früh allein gelassen“, beklagte er. Der Referent beleuchtete konkrete Gefahrenquellen wie etwa Gaming. „Plattformen sind teilweise riesige Industrien ohne klare Jugendschutzfilter. Täter nutzen Cyber Grooming – sie schleusen sich als „Freunde“ in Clans ein, verschenken Items und bauen Vertrauen auf, um beispielsweise zu Treffen über zu leiten“, erläuterte er. „Der Chat ist der wahre Risikobereich, nicht das Spiel selbst.“
Fehlende Filter in Gaming- und Social-Media-Welten ermöglichen den Zugang zu Horror, Gewalt und Sexismus. Zmugg betonte, dass für viele Jugendliche sexuelle Gewalt „normal“ erscheint. 70 Prozent haben bereits sexuelle Gewalt beobachtet. „Wir müssen handeln, denn wenn wir schweigen, spielen wir den Täter*innen in die Arme“, lautete sein klarer Appell.
Haltung und Handlungsstrategien
Der Kern von Zmuggs Botschaft war: Auf unsere Haltung kommt es an. „Wir dürfen Kinder und Jugendliche nicht allein mit diesen Medien lassen. Die Vorbildfunktion von Erwachsenen ist entscheidend“, sagte er. Für die pädagogischen Teams hatte er konkrete Handlungsanweisungen dabei: „Bei Verdacht auf Gewalt: Begrenzen Sie die Situation, nehmen Sie Betroffene ernst, fragen Sie nicht nach Details und holen Sie sogleich Hilfe“, so seine Ratschläge.
Workshops: Vom Erkennen bis zum Handeln
Im Anschluss an die Keynote boten am Nachmittag drei Workshops praxisnahe Ansätze. Hier ging es um Prävention und KI, Wege aus Mobbing und Cybermobbing und Methoden gegen Fake News. „Die Teilnehmenden lernten gezielte Methoden kennen, um Jugendliche für Desinformation zu sensibilisieren und ihnen den Umgang mit der Informationsflut zu erleichtern. Konsens herrschte darüber, dass Medienbildung in jedem Fachunterricht eine Rolle spielt und nur durch eine aktive Auseinandersetzung mit den bestehenden Herausforderungen, Schüler*innen zum kritischen Reflektieren der Inhalte angeregt werden können. Diese Aufgabe kann jedoch nicht nur von Schule geleistet werden, sondern auch von den Eltern wird Aufklärung und Medienkompetenz erwartet“, fasste Workshop-Leiterin Johanna Rist die Ergebnisse zusammen.
Die ignatianische Pädagogik versteht Lernen als Prozess, der Kopf, Herz und Hand verbindet. In „Werkstätten Ignatianischer Pädagogik“ entstanden am Samstagvormittag Lernräume, die an der schulischen Realität anknüpften, Perspektiven weiteten und zu konkreten Handlungsempfehlungen führten.
Reflexion und Ausblick
Am Ende der Tagung waren sich die Teilnehmenden einig: Digitale Medien sind Chancen, aber ohne begleitende Beziehungen können sie zur Gefahr werden. Wie Ignatius lehrt, müssen wir „hinsehen und unterscheiden“ – und Kinder und Jugendliche stärken, damit sie Hilfe suchen können. Viele Teilnehmende nahmen konkrete „Take-Homes“ mit: schulinterne Schulungen, klare Richtlinien wie Vereinbarungen und mehr Austausch.
Ulrike Gentner betonte abschließend: „Vernetzung zwischen ignatianisch geprägten Schulen ist von besonderer Bedeutung: Sie schafft Räume des Austauschs und der Zusammenarbeit, macht Best-Practice-Beispiele sichtbar und ermöglicht die Erprobung innovativer Ideen. So werden Ressourcen gebündelt, die eigene Praxis gestärkt und das ignatianische Profil auch im größeren Miteinander lebendig gehalten.“
Weitere Informationen:
- Heinrich Pesch Haus: www.heinrich-pesch-haus.de
- Innocence in Danger e.V.: www.innocence-in-danger.org
- SWR Fakefinder: Ein nützliches Werkzeug zur Überprüfung von Nachrichten.






