Warum Jesuiten in Zentraleuropa sich für Schulbildung engagieren.

Schulbildung klingt nicht nach geistlichem Abenteuer: Lehrpläne, Abschlüsse, Berufsvorbereitung. Für Jesuiten war Bildung aber nie Selbstzweck – sie war immer Ausdruck einer tieferen Überzeugung und einer Liebeserklärung an den Menschen. Tobias Zimmermann SJ zeigt, warum Schulbildung bis heute ein Herzstück jesuitischen Engagements ist – und warum ignatianische Pädagogik ausbuchstabiert als ein zeitgemäßes, humanistisches Bildungskonzept (HumanismusPlus) eine Antwort auf die drängendsten Fragen unserer Zeit gibt.

Was Ignatius bei Gott gelernt hat

In den Geistlichen Übungen führt Ignatius von Loyola den Betenden zur „Betrachtung zur Erlangung der Liebe“ – einem der bewegendsten Texte christlicher Spiritualität. Gott ist für Ignatius weder fern noch ein über Wohlverhalten wachender Richter. Er, geheimnisvoller Ursprung des Universums, wirkt in allem, teilt sich durch das Geschaffene hindurch konkret mit und schenkt Menschen seine Liebe und Nähe. Diese Liebe und Aufmerksamkeit lässt alles wachsen und sich entfalten. Uns Menschen aber lädt er ein, mitzumachen, zu lieben und sich zu engagieren für das Leben und für die Menschwerdung. In dieser Betrachtung gipfeln die einmonatigen Exerzitien. Sie ernst zu nehmen bedeutet, lernen mit Gottes Augen zu sehen, vor allem: jeden Menschen als Kind Gottes – ohne Ansehen von Herkunft, Stand oder Leistung.

Ignatius sagt einmal, Gott habe ihn gelehrt, wie ein Lehrer ein Kind. Ich denke da weniger an Gott als „Pauker“ als vielmehr an Meister Yoda aus dem Film „Star Wars“. Nicht umsonst wurde der Regisseur bei der Ausgestaltung der Charaktere inspiriert durch einen Jesuiten. Die Haltung, die Ignatius als förderlich für sein persönliches Wachstums erlebt, lässt sich durch vier Botschaften beschreiben, die ihrerseits jeweils eine Haltung beschreiben. Sie bilden als Essenz die pädagogische Grundgrammatik eines zeitgemäßen christlichen Humanismus (HumanismusPlus):

Ich bin da. Gott ist präsent, zugewandt. Wenn wir lernen, unsere inneren Antriebe zu unterscheiden, können wir seine Stimme heraushören aus dem Klang der Dinge. Pädagogisch: Lehrkräfte machen einen Unterschied, wenn sie wirklich da sind – nicht nur fachlich, sondern als Person – auch dann, wenn es schwierig wird. Es ist das Vorbild von Persönlichkeiten, das prägt, gerade wenn es darum geht, die Welt im Staunen neu und tiefer kennenzulernen.

Du bist ok. Die Würde jedes Menschen ist bedingungslos geschenkt, nicht erarbeitet. Eine Schule, die das ernst nimmt, behandelt Schülerinnen und Schüler nicht als Ressourcen für den Arbeitsmarkt, sondern als ganze Personen. Das Konzept der cura personalis – der Sorge um die ganze Person – meint genau das: Juge Menschen als ganze Person sehen und fördern – intellektuell, sozial, emotional und spirituell.

Ich brauche Dich. Niemand wächst allein. Bildung ist Begegnung – zwischen Menschen, zwischen Generationen; zwischen der Person, die Erfahrungen macht und reflektiert, und einer Wirklichkeit, die Erfahrungen der Resonanz. So wachsen Menschen nicht nur als Person, sondern bekommen die Welt als Heimat geschenkt, weil sie gelernt haben, genauer hinzuschauen und hinzuhören, tiefer zu reflektieren und dann freier und großherziger zu handeln. So lässt sich das Ignatianische Magis als Wachstumsdynamik der Person charakterisieren. „Ich brauche Dich“, das bedeutet auch: Menschen müssen sich selbst für Bildung entscheiden, in aller Freiheit. Und erfolgreiche Bildung zeigt sich eben nicht in Noten, akademischen Graden, Elitenbildung und Karrieren, sondern dort, wo Personen einen Unterschied machen, in der Vernunft und Unabhängigkeit ihres Urteils; in innerer Freiheit und der Entschiedenheit zu moralischem Handeln; in der Großherzigkeit ihres Engagements für andere Menschen, die Gesellschaft und die Bewahrung der Schöpfung.

Alles ist gut – trotz allem. Wo Menschen durch diese drei Botschaften ein Rahmen und ein Fundament geschenkt wird, um sich als Person zu entfalten, ist dies der Nährboden für ein tiefes Vertrauen in das Leben und in Gott. „Meine Damen und Herren, am Ende wird alles gut. Und wenn jetzt noch nicht alles gut ist, dann deshalb, weil es noch nicht das Ende ist“, damit beruhigt ein junger Hotelbesitzer im Film „Das indische Hotel“ inmitten des kompletten Chaos immer wieder seine Gäste. „Alles ist gut“ ist als eine Haltungsfacette im Zusammenspiel der Haltungen Ausdruck einer inneren Freiheit, die weiß, dass am Ende alles gut wird, weil am Ende wie am Anfang Gott steht.

Schulbildung als Brennglas jesuitischen Engagements

Warum aber sollen sich Jesuiten heute ausgerechnet für Schulen engagieren? Sollen sie das nicht Lehrkräften überlassen und das machen, wozu sie als Kleriker da sind: Messen lesen, Exerzitien geben …? Die Antwort ist: Weil Schulbildung der Ort ist, an dem sich gesellschaftlich alle vier Universalen Apostolischen Präferenzen der Gesellschaft Jesu wie im Brennglas bündeln. Wo in der Schule hier nicht Grundlagen gelegt wurden, fehlen in der Zukunft oft die Ansatzpunkte, um mit Menschen überhaupt ein Gespräch beginnen zu können, über Gott und die Welt. Wie also sollten wir uns nicht an der Seite all der Menschen engagieren, die sich einsetzen, damit Gott und die Menschlichkeit im Spiel bleiben?

Glaube: „Als Jesuiten wollen wir durch Unterscheidung und geistliche Übungen Gott finden helfen.“ Bildung, die die Frage nach Gott ausblendet, überlässt junge Menschen sich selbst in ihrer Sinnsuche. Schule kann ein Ort sein, an dem Jugendliche lernen, sich dieser Frage vernünftig und offen zu stellen – als Einladung, nicht als Pflicht. Schule kann helfen, Türen zu Gott einen Spalt offen zu lassen, durch die Menschen eines Tages vielleicht gehen wollen, wenn sie entdecken: Haltung braucht Halt.

Gerechtigkeit: „Gemeinsam mit den Armen, den Benachteiligten, den in ihrer Würde Verletzten auf dem Weg sein.“ Ignatius gründete Schulen nur dort, wo sichergestellt war, dass kein Schulgeld erhoben wurde. In den Reduktionen Südamerikas lernten Kinder indigener Völker lesen und schreiben – zu einer Zeit, als sie anderswo versklavt wurden. Dieser Maßstab gilt heute: Schulischer Erfolg darf nicht vom Einkommen der Eltern oder ihrer Herkunft abhängen. In Deutschland verlassen zwischen 15 und 20 Prozent junger Menschen die Schule ohne Abschluss. Das ist kein Randproblem. Auch heute versuchen Jesuiten in der Schulbildung einen Beitrag zur Bildungsgerechtigkeit zu liefern, ob für Menschen mit Flucht und Migrationserfahrung im Pedro Arrupe-Zweig des Canisius Kollegs in Berlin bzw. den Euroklassen in St. Blasien oder für Menschen, die aus sehr unterschiedlichen Gründen keinen Schulabschluss erreichen konnten im Projekt „LU can learn – eine zweite Chance auf den Schulabschluss“ am Heinrich Pesch Haus in Ludwigshafen.

Jugend: „Jugendliche und junge Erwachsene bei der Gestaltung einer hoffnungsvollen Zukunft begleiten.“ Schule ist der Ort, an dem junge Menschen den Großteil ihrer Jugend verbringen. Wenn dort niemand wirklich an sie glaubt, wenn ihnen keine echte Verantwortung zugetraut wird – dann ist eine entscheidende Chance verpasst. Jesuitische Pädagogik setzt dem entgegen: junge Menschen nicht verwalten, sondern begleiten, auf Augenhöhe. An der Schülergemeinschaft ISG am Canisius Kolleg in Berlin kann man bestaunen, wie engagiert und erfolgreich sich junge Menschen auf Augenhöhe engagieren für die Bildung jüngerer Schülerinnen und Schüler und dabei selbst als Person wachsen.

Schöpfung: „In der Sorge für das Gemeinsame Haus zusammenarbeiten.“ Bildung, die Verantwortung für die Schöpfung nicht einschließt, ist unvollständig. Die ökologische Dimension ist kein Anhang zur Pädagogik – sie ist ein Prüfstein für ihre Ernsthaftigkeit. Deshalb ist es von Bedeutung, wenn St. Blasien sich als Schule entschieden auf den Weg zur Klimaneutralität macht.

HumanismusPlus – aus alter Quelle, für heute

Ignatianische Pädagogik wird bis heute gelebt, nicht nur an Jesuitenschulen in der zentraleuropäischen Provinz der Jesuiten, sondern an allen Schulen des Netzwerkes Ignatianische Pädagogik im deutschsprachigen Raum. Das Zentrum für Ignatianische Pädagogik (ZIP) hat diesen Anspruch unter dem Begriff HumanismusPlus weiterentwickelt: als zeitgemäße Verdichtung Ignatianischer Bildungstradition, anschlussfähig für alle, denen die Würde des Menschen am Herzen liegt.

Das „Plus“ steht nicht für ein „mehr“ im Sinne von besser oder höher. Es steht für anthropologische Tiefenschärfe: Der Mensch ist mehr als seine Leistung und mehr als seine Verwertbarkeit. Er findet seinen Maßstab nicht in der Selbstoptimierung, sondern in der Relation – zur Schöpfung, zu den Mitmenschen, zu Gott.

Pedro Arrupe SJ hat das auf den Punkt gebracht: „Nichts ist praktischer als Gott zu finden – das heißt, sich zu verlieben. In was du dich verliebst, das wird alles entscheiden.“ Schulen, die aus diesem Geist leben, bilden keine Arbeitskräfte. Sie begleiten Menschen auf dem Weg zu sich selbst – und zu dem, wofür sie brennen.

Wofür, wenn nicht für gute Schulbildung, sollten sich Jesuiten in Zentraleuropa heute engagieren?

Tobias Zimmermann SJ

Tobias Zimmrmann SJ, Vorstand Bildung am Heinrich Pesch Haus. Das Zentrum für Ignatianische Pädagogik (ZIP) engagiert sich in einem 5-köpfigen Team im ganzen deutschsprachigen Raum und in der ECE Provinz für gute Schulbildung: Fortbildungen für Pädagoginnen und Pädagogen, bzw. Lehrkräfte, für Fachkräfte in Schulseelsorge/Beratung/Prävention; politische Jugendbildung; Schulentwicklung durch Evaluation und „Profil & Perspektivwerkstatt“; Beratung von Führungskräften in Schulen oder von Schulträgern; Research und Fachkonferenzen im Bereich Persönlichkeits- und Charakterbildung. Ab September 2026: Exerzitien- und Glaubenskurse-Online über die App „Spiritueller Begleiter“.

Anfahrt & Kontakt | Prävention | Impressum | Datenschutz

Zentrum für Ignatianische Pädagogik - Ein Institut am
Heinrich Pesch Haus
Frankenthaler Straße 229
67059 Ludwigshafen