Frohe Weihnachten!

Frohe Weihnachten! Welche Weihnachten?

Grün-golden blinkende Christbäume, Menschen tanzen zu laut aufgedrehten Weihnachtssongs Polonaise durch den Festsaal. Das Radio dudelt nun schon die dritte Woche jeden Morgen Weihnachtslieder. „Advent“, „warten auf die Ankunft“, ist abgeschafft. Mit Warten hat es unsere Kultur nicht so sehr! Lieber Plätzchen satt ab September! All das erinnert mich an Walt Disneys Entenhausen. Der geniale Ikonograf des Kapitalismus baut seinen Enten, die sprechend wie Menschen durchs Leben watscheln, einen Spaßkosmos wie aus Reklametafeln und Volksfesten. Jede Geschichte funktioniert wie ein Automat: Etwas löst einen Mechanismus aus. Dann schnattert ein Wort das andere. Liebevoll werden typische Verhaltensweisen auf die Schippe genommen, die jede und jeder aus dem Alltag kennt. Dann beginnt sich alles immer hektischer zu drehen und rast auf ein absehbares Ende zu. Und ein Teil des Spaßes besteht natürlich aus dem inneren Kitzel gemischt mit etwas Schadenfreude, den großen Knall kommen zu sehen, mit dem alles aus den Fugen gerät. Ein riesiger Spaß! Und wenn alles vorbei ist, ist alles wie vorher: Donald bleibt der Versager. Und Dagobert badet im Geldspeicher.

Daran erinnert mich persönlich der Weihnachtsrummel, den wir derzeit erleben. Der Coca-Cola-Weihnachtsmann hat schon längst das Ruder übernommen. Was steckt hinter der hektischen Freude? Ich glaube, eine ganz verständliche Sehnsucht nach einer geheilten Welt: Zusammensein mit den Lieben; eine kurze Verschnaufpause von den tausend Krisen der Zeit, den ganz persönlichen in Arbeit und Familie, und den globalen Krisen wie dem Kriegsgetöse, das immer näher rückt. Dass zu diesem ganzen atemlosen Rummel auch Gesten der Menschlichkeit gehören, Spendengalas mit glitzernden Sternen, das ist ein menschlicher Zug in all dem Partyrummel. Deshalb wäre nichts gewonnen, wenn wir den Menschen, die daran Freude haben, die Freude vergällen, all das nur ironisieren und abschaffen. Und doch ist Walt Disney da im Blick auf die Versprechungen dieser säkularen Weihnachtswunderwelt sehr hellsichtig. Am Ende ist alles wie vorher: Die Donalds bleiben die Versager. Und die Dagoberts baden im Geldspeicher. Deshalb ist davon auszugehen, dass im Kreml und im Weißen Haus in Washington nicht die kleinsten Weihnachtsbäume stehen.

War Walt Disney der Meister der Oberfläche, so waren die Baumeister der gotischen Kathedralen Meister der Tiefe. Sie öffneten den vom herrschaftlichen Gold der Romanik ermüdeten Augen neue Horizonte: Säulenhallen, lichtdurchflutet. Licht trat an die Stelle des aristokratischen Goldes, um Gott zu versinnbildlichen. Aber es war nicht das „normale“ Tageslicht, das den Besucher erwartete, wenn er oder sie in eine gotische Kathedrale trat. Die blau-violetten Glasfenster – Violett war das Schwarz des Mittelalters – färbten das Licht in „dunkles“ Licht, also in das geheimnisvolle Licht, das Menschen normalerweise eben nicht sehen, geblendet vom Tageslicht des Alltags. In diesem Licht erstrahlt die Krippe, eine Flüchtlingsherberge, in der unter schlechtesten Vorzeichen ein Kind geboren wird. Aber die Engel singen da und nicht in der satten Feierabendlaune der nahe gelegenen Herberge, wo Gott keine Aufnahme fand: Fürchtet Euch nicht!

Jedes Jahr tragen junge Menschen Licht aus Bethlehem in jeden Winkel der Welt. Das ist heute ein wunderbares Zeichen, wie die Weihnachtsbotschaft in die Welt kommt: Durch Menschen, die den Mut nicht aufgeben, zu träumen, und die keine Angst vor kleinen Schritten haben. So kommt Gott den Menschen ganz nahe. Sein „dunkles“ Licht scheint gerade durch die Brüche des Lebens und berührt heilsam, was kaputt und unversöhnt ist. Das ist die gute Nachricht der Weihnachtsnacht: Wir müssen die Brüche unseres Lebens, die Berechenbarkeit unseres Scheiterns weder kalt analysierend ironisieren, noch in Glühwein und einer erzwungenen Weihnachtsidylle sedieren. Ja, wo es still wird, kann es erst einmal ungemütlich werden, wie in einem zugigen Stall. Aber dort öffnet sich der Raum für echte Menschlichkeit, für heilsame Berührung und für menschliche Gesten, die – gerade weil sie zerbrechlich sind – viel nachhaltiger sind als der Rummel aus Entenhausen. Die Welt ist nicht anders mit einem Rumms. Aber wir merken, dass sich in uns etwas verändert hat, was einen Unterschied macht. Dieses kleine Weihnachtslicht aber kann auf Dauer nur brennen, wenn wir dann unsererseits den Traum träumen, mit Gott einen Unterschied zu machen. Wir sind eingeladen, hinauszutreten in die Nacht, die von Gottes dunklem Licht erhellt ist. Und dann kann eine Reise beginnen, kleine Schritte mit einer Flamme, die flackert im Wind.

Frohe Weihnachten!

Tobias Zimmermann SJ

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