Das ZIP startet seine Kampagne „HumanismusPlus“

Persönlichkeiten bilden

Welche Bildung wollen wir heute? Worin besteht ihr Zweck? Welchem Menschenbild entspringt sie? Angesichts technologischer und gesellschaftspolitischer Umbrüche ist es an der Zeit, Bildungsfragen wieder grundlegend zu denken und in den öffentlichen Raum zu tragen. Heute startete im Rahmen einer Online-Veranstaltung die Kampagne „HumanismusPlus“, mit der das Zentrum für Ignatianische Pädagogik (ZIP) über die nächsten Jahre für seinen Ansatz einer umfassenden Persönlichkeitsbildung in jesuitischer Tradition werben wird.

Die ZIP-Leitung Tobias Zimmermann SJ und Ulrike Gentner eröffneten das Event, indem sie die Konturen eines „HumanismusPlus“ umrissen. Humanismus bedeute zunächst, dass der Mensch im Zentrum aller Bildungsbemühungen stehe. Individuelle Begabungen gelte es umfassend zu entwickeln und für Gemeinwohlziele fruchtbar zu machen. „HumanismusPlus“ heiße dann, nicht bei positivistischen Bildungsgehalten zu verharren, sondern die „Gottesfrage wachzuhalten“ – als Einladung, das Menschsein in seinem Transzendenzbezug zu erfahren und zu reflektieren. Diese Haltung, so die Gastgeber, präge den Unterrichtsalltag in den ignatianischen Schulen und Internaten.

Pater Zimmermann fasste das Anliegen des ZIP wie folgt zusammen: „Im Sinne der ignatianischen Formel ‚Im Geist, mit Herz und Hand‘ geht es uns um intellektuelle wie spirituelle Wachheit, Empathie und Tatkraft. Auf diese Ziele wollen wir mit unserer Persönlichkeitsbildungs-Kampagne ‚HumanismusPlus‘ hinwirken und den Ansatz möglichst breit in der öffentlichen Debatte verankern.“ Die vorgeschlagene Orientierung auf das Grundsätzliche in der Bildung sei auch für säkulare Bildungsakteure relevant. „An einem solchen humanistischen Bildungskonzept können Menschen aller Weltanschauungen, Religionen und Kulturen teilhaben und mitwirken. Es ist ein Beitrag zum Zusammenhalt einer demokratischen Gesellschaft“, betonte Ulrike Gentner.

Dr. Thomas Petersen vom Institut für Demoskopie Allensbach stellte anschließend die Studie „Persönlichkeitsbildung an Schulen“ vor. Er betonte, dass die Bildungsideale der ignatianischen Pädagogik erheblichen Zuspruch in der Bevölkerung fänden. Zwar seien ihre religiösen Motive großteils verdampft, doch blieben sie in säkularisierter Form präsent. In der wichtigen Zielgruppe der Katholiken und Personen mit höherer Schulbildung bestehe weiterhin ein deutlich überdurchschnittliches Interesse daran, Kinder zur Aufgeschlossenheit gegenüber religiösen und Sinnfragen des Lebens zu erziehen.

Insgesamt sprächen Schulen, die in ignatianischer Tradition besonderes Augenmerk auf die Persönlichkeitsbildung der Schülerinnen und Schüler legen, ein empfundenes Defizit an. Dies gelte auch mit Blick auf die sozialen Bildungsziele, die für ignatianische Akteure eine gewichtige Ergänzung zu den klassischen Bildungszielen darstellen. An das ZIP gerichtet resümierte Petersen: „Sie stoßen auf eine Marktlücke“.

Der Soziologe Prof. Heinz Bude stellte mit Blick auf die Studienergebnisse eine bemerkenswerte Verbürgerlichung der Bildungserwartungen fest. Trotz der sozialen Erweiterung und Vervielfältigung der Bildungsbeteiligung sei keine Schwerpunktlegung auf arbeitsmarktorientierte „Ausbildung“ zu verzeichnen. Der Ansatz humanistischer Persönlichkeitsbildung verfüge weiterhin über Strahlkraft. Prof. Bude analysierte dessen Potenzial unter drei Gesichtspunkten. Persönlichkeitsbildung betone erstens die Plastizität von Wissen, das es weniger zu reproduzieren als vielmehr variabel auf verschiedene Kontexte anzuwenden gelte. Zweitens ziele Persönlichkeitsbildung auf soziale Empathie wie etwa Teamfähigkeit. Drittens schließlich gehe es um Selbstreflexion und Verantwortung, die ein rechtfertigungsfähiges Leben erlaubten. Hinsichtlich des dritten Punktes sah Bude die größte Differenzierungschance für das Bildungsangebot ignatianischer Schulen. Da sich die „Wiederkehr der Götter“ jedoch nicht abzeichne, sei auch die Vermittlung religiöser Werte wenig aussichtsreich. Die Entwicklung post-konventioneller Verhaltensweisen müsste daher eher im nicht-religiösen Gewand geschehen.

Die folgende Diskussion aller Teilnehmerinnen und Teilnehmer widmete sich der Frage, wie Selbstreflexion gestärkt werden könnte – und ob religiöse Metaphorik dabei nicht doch eine wichtige Rolle spiele, wenn sie nicht überwältige, sondern reichhaltige Deutungsangebote mache. In jedem Falle brauche es Orientierungswissen, das einer „indirekten Ethik“ entspringe. Diese richte keine Imperative an die Schülerinnen und Schüler, sondern stelle ihnen „stellvertretende Deutungen“ zur Verfügung, damit sie ihre eigene Position in der Welt finden können. Daran anknüpfend stellte sich die Frage, wie sich eine Verantwortungsorientierung in der Selbstverortung mit innerer Gewissensbildung austarieren ließe. Als mögliche Perspektive wurde eine gewissermaßen ignatianische Formel gefunden – die „Lebbarkeit von Ambivalenz“.

Sehr geehrte Damen und Herren, hier finden Sie die zentralen Ergebnisse der Allensbachumfrage. Ein Ländervergleich mit Großbritannien, der Teil der Studie war, wird Thema einer eigenen Veranstaltung sein. Dazu werden wir Sie natürlich rechtzeitig informieren.“

 

Weitere Informationen finden Sie hier und unter https://sinnundgesellschaft.de/.

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