Interview mit Ulrike Gentner über die Ziele der Ignatianischen Pädagogik

Herzensbildung ist wichtiger denn je

Seit 2013 gibt es am HPH das Zentrum für Ignatianische Pädagogik, kurz ZIP. Welche Ziele verfolgt die Ignatianische Pädagogik? Ein Gespräch mit der stellvertretenden Direktorin des HPH und Direktorin Bildung, Ulrike Gentner. Die Theologin und Pädagogin leitet das Zentrum für Ignatianische Pädagogik.

Frau Gentner, was ist das Besondere an der Ignatianischen Pädagogik?

Gentner: Die Ignatianische Pädagogik beruhtauf der Würde des Menschen und der Überzeugung, dass der Mensch Mensch wird am Anderen. Ignatianisch geprägte Menschen begreifen die Welt als Schöpfung Gottes. Der Mensch ist von Gott geschaffen und geliebt. So ist die Basis Ignatianischer Pädagogik ein Dreiklang: Du, Mensch, bist okay! Ich, Gott, bin bei Dir! Ich brauche Dich! Der Mensch kann nur da sein, wenn er weiß, ich bin von Gott geliebt, Gott ist auch in schwierigen Zeiten bei mir. Ich mache mir bewusst: Gott braucht mich, dass ich in der Welt handle.

Wie definiert die Ignatianische Pädagogik Bildung?

Gentner: Die allgemeine Zielperspektive von Bildung ist die Persönlichkeitsbildung. Es geht um die Formung des Menschen zur Persönlichkeit. Jede Person hat Würde. Ein Ziel ist ein reflektiertes Verhältnis zu sich, zu anderen und zur Welt. Persönlichkeitsbildung ist ein lebenslanger Prozess. Wichtig ist mir: Die Ignatianische Pädagogik führt in die Freiheit. Es geht darum, dass eine Person ihre Potenziale entwickelt und begreift, dass sie ein freies und selbstverantwortetes Wesen ist. Auch gegenüber Gott.

Ist das nicht ein sehr ich-zentrierter Ansatz?

Gentner: Nein, im Gegenteil. Es geht nicht darum, die Individualität zu Lasten des Sozialen und Gesellschaftlichen über zu betonen, sondern um eine im Wirken und in der Gemeinschaft erfüllte menschliche Existenz. Diese kann nur gelingen, wenn der Mensch eigenständig ist und als Persönlichkeit auftritt. Ich beziehe mich dabei auf die christliche Sozialethik, die den Menschen als eine Einheit von Körper, Seele und Geist begreift. Diese Einheit ist darauf ausgelegt, sich in der Gemeinschaft zu entfalten. Es geht um Eigenständigkeit und Gemeinschaftsbezogenheit im Wechselverhältnis.

Was ist für die Persönlichkeitsbildung erforderlich?

Gentner: Dazu braucht es eine gute (Schul-)Bildung, aber auch die Entwicklung des kritischen Urteilsvermögens. Bildung zielt auf Mündigkeit, es geht auch um Bildung in Verantwortung für die Demokratie und die Gesellschaft, in der wir leben. Was ist richtig? Angemessen? Ich erzähle zur Verdeutlichung gerne die Geschichte von den zwei Wölfen, die jeder in sich hat (s. rechts). Dazu kommt als praktische Tugend – als Alltagswerkzeug für die Anwendung – das kritische Urteilsvermögen oder biblisch die Unterscheidung der Geister, um kontextgerecht zu entscheiden, was wann und wie wichtig und zu tun ist. Es gibt Situationen, die ethische Antworten erfordern. Das zeigt, warum Tugendbildung so wichtig ist.

Was verstehen Sie unter Tugenden?

Gentner: Selbstentfaltung gewinnt Ziel und innere Ordnung durch Haltungen, wie eine Art Kompass, das sind die Tugenden. Diese zeigen sich im Handeln und können eingeübt, reflektiert und ausbalanciert werden, um auf gute Weise Teil des täglichen Lebens zu werden und zu bleiben.

Können Sie Beispiele nennen?

Gentner: Denken Sie an typische (Dilemma-)Situationen, wenn etwa in einem Bus ein Mensch von anderen beleidigt oder gar angegriffen wird. Schauen Sie weg oder wie greifen Sie ein? Oder Sie bekommen als Kaffeetrinker Tee geschenkt – bedanken Sie sich oder sagen Sie dem Schenkenden, dass Sie keinen Tee mögen? Als Beispiel fällt mir auch ein Mix an Tugenden ein: Großherzigkeit umfasst Würde und das Erleben der eigenen Wirksamkeit. Großherzige Menschen wissen, dass sie berufen und berechtigt sind, ihr Leben zu gestalten – mit all ihren Kräften. Demut, das ist das Wissen um die eigenen Grenzen, hilft, eigene Begrenzungen, Schwächen und Fehler nicht auszublenden und sich nicht über andere zu erheben. Großherzigkeit und Demut sind eine Einheit: Wenn sie sich verbinden, befreit Demut von dem Drang, perfekt und größer als die anderen sein zu wollen – in Verbindung mit der Großherzigkeit geht es um die Würde des Mensch-Seins und seine geistige Weite: »Ich bin ein Mensch, nicht mehr und nicht weniger«. Um solche Situationen zu lösen, braucht es Werte und eine klare Haltung.

Wie setzt die Ignatianische Pädagogik ihre Bildungsziele konkret in die Praxis um?

Gentner: Mit säkularen Modellen, die zu unserem Ignatianischen Bildungsverständnis passen. Sie helfen uns bei der Übersetzung in die Gesellschaft hinein. Um zwei zu nennen: Die Positive Psychologie nach Martin Seligman, der sechs Tugenden mit 24 Charakterstärken unterscheidet, dazu gehören Weisheit und Wissen, Courage, Menschlichkeit, Gerechtigkeit, Mäßigung und Transzendenz. Und der Ansatz des Birminghamer Jubilee Centres differenziert zwischen vier Tugendarten: intellektuelle, moralische, gesellschaftliche und Gestaltungs-Tugenden. In Seminaren und Trainings an Schulen und in Organisationen setzen wir das um.

Wie spiegelt sich Persönlichkeitsbildung im HPH?

Gentner: Wir begreifen das Leben von Menschen als Wachstums- und Reifeprozess auf allen Ebenen, auch im persönlichen Glauben. Egal, ob bei der Familienbildung, im ZEFOG, in der Politischen Jugendbildung oder bei unseren Seminaren – es geht uns immer darum, die Persönlichkeit zu bilden, Haltungen zu entwickeln und zu erkennen, welche Tugenden mich beim Verhalten und Handeln leiten – ob beim privaten Konflikt in der Familie oder am Arbeitsplatz. Es geht darum, den ganzen Menschen im Blick zu haben, nicht nur Wissen und Kompetenzen zu vermitteln bzw. anzueignen. Wir können uns Tugenden aneignen, tiefer geht es darum, zu verstehen und zu erfahren, was Mensch-Sein wirklich ist. Dieses Wissen kommt aus dem Herzen, die Intuition ist dabei eine große Kraft.

Und was heißt das konkret?

Gentner: Anpassung ist ein zentrales Phänomen der gegenwärtigen Zeit. Dabei sehnen sich viele Menschen beispielsweise nach Entschleunigung, sich nicht mehr knechten zu lassen von Sorgen und Manipulation, statt in sich gefangen zu sein, nach Freisein von Zwängen. Wer können wir füreinander sein? Trauen wir uns, etwas Eigenes zu machen? Freiwerden heißt für jede Person etwas anderes. Wenn eine Person bei sich angekommen ist, in ihrem Herzen frei ist, kann sie gar nicht anders, als mitfühlend zu sein für das, was um sie geschieht und verantwortungsvoll mit Kopf, Herz und Hand da zu sein. Jesus lehrt uns: »Werdet wie die Kinder!« Das heißt, ein offenes, weites und reines Herz zu haben. Das ist ein wunderbares Geschenk für die Welt. Die Förderung von Herzensbildung ist mir ein Herzensanliegen.

Interview: Dr. Anette Konrad

 

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