Was dem Ziel „Bildung für alle“ wirklich dienen würde

Bildung für alle! Na klar, nur welche?

Die Grünen fordern in ihrem neuen Grundsatzprogramm als Hebel für die Umsetzung der Forderung „Bildung für alle“ die konsequente Kostenfreiheit von Schulbildung. Das klingt gut. Doch das Unterfangen kehrt sich ins Gegenteil, weil es die Unterschiede von Menschen mit ihren Anliegen an die Schulbildung nicht ernst nimmt. Lesen Sie hier den Beitrag von Tobias Zimmermann SJ, der im neuen Online-Magazin „Sinn und Gesellschaft“ erschienen ist.

Die Grünen fordern in ihrem neuen Grundsatzprogramm als Hebel für die Umsetzung der Forderung „Bildung für alle“ die konsequente Kostenfreiheit von Schulbildung. Klingt gut, war in der Vergangenheit aber oft der technokratische Hebel, um verdeckt über die Schulfinanzierung auch konzeptionelle Entscheidungen über das Schulprofil durchzusetzen. Das aber schadet dem Anliegen „Bildung für alle“, weil es die Unterschiede von Menschen mit ihren Anliegen an die Schulbildung nicht ernst nimmt.

Als in Preußen das Abitur als allgemein verbindlicher Zugang zu den Universitäten eingeführt wurde, protestierte der Adel. Für ihn war der freie Zugang zur Universität auch ohne ein schulisches Abschlusszeugnis ein Standesprivileg, auf das er nicht verzichten wollte.

„Jeder Mensch hat das Recht auf Bildung“ sagt dagegen Artikel 26 der Erklärung der Menschenrechte. Und dabei geht es nicht nur um die Zukunfts- und Karrierechancen junger Menschen. Es geht um die Persönlichkeitsbildung, also um die Chance von Kindern und Jugendlichen, durch Schulbildung all ihre Talente und Potenziale, aber auch ihre Fähigkeit zu entfalten, selbst initiativ zu werden und Verantwortung für Andere zu übernehmen.

Deshalb verletzt es die Würde junger Menschen, wenn sie die Chance auf umfassende Bildung nicht erhalten.

Diese Einsicht wurzelt tief im humanistischen Erbe unserer Kultur. Sie bewegte zum Beispiel  schon im 16. Jahrhundert den Adeligen Ignatius von Loyola, den Gründer des Jesuitenordens, dazu, Schulen nur an Orten zu gründen, wo Bürger oder Fürsten durch eine ausreichende finanzielle Ausstattung dafür sorgten, dass kein Schulgeld erhoben werden musste, damit alle Kinder, auch die aus weniger begüterten Familien, die Schule besuchen konnten.

Wahr ist aber auch, wie das Beispiel eingangs zeigt: Bildung war immer auch ein Mittel, um die eigene gesellschaftliche Position zu festigen. Das erklärt ein Phänomen der letzten Jahrzehnte: „Helikoptereltern“, die atemlos die Schulbildung und die Freizeitgestaltung ihrer Kinder optimieren, um den wirtschaftlichen und sozialen Erfolg ihrer Nachkommen zu sichern.

Der Makrosoziologe Heinz Bude nennt deren Motivation treffend „Bildungspanik“. Aber es geht eben nicht nur um Zukunfts- und Karrierechancen, sondern auch darum, das eigene kulturelle Erbe zu bewahren. Die Debatte um den „Bildungskanon“ Ende des letzten Jahrhunderts war der zum Scheitern verurteilte Versuch des bis dato etablierten Bildungsbürgertums, über die Schulbildung das Monopol ihres kulturellen Erbes gegen die Popkultur der Bildungsaufsteiger durchzusetzen.

Ihr bekommt Bildung gerne umsonst, aber den Inhalt von Bildung bestimmen wir.

Es ist also nicht überraschend, dass die Ambivalenz zwischen dem Ideal „Bildung für alle“ und dem Einsatz von Schulbildung als Mittel der Durchsetzung der Interessen des eigenen Milieus auch heute die Bildungspolitik prägt. Auch der paternalistische Gestus überrascht nicht, auf den sich die Forderung von Bildung für alle in der Vergangenheit regelmäßig reduzierte: Ihr bekommt Bildung gerne umsonst, aber den Inhalt von Bildung bestimmen wir.

Seit Jahren wird in einigen Bundesländern nach dieser Devise Schulpolitik gemacht. Die sogenannten „privaten“ Schulen werden als lästige Konkurrenz behandelt. Und sowohl die Debatte der Schulfinanzierung wie auch der Lehrerfortbildung stehen ausgesprochen oder unausgesprochen unter dem Vorzeichen: Alternative Schulprofile sind unerwünscht. Und schon ist aus dem hehren Ziel der „Bildung für alle“ über die Kostenfreiheit ein technokratischer Hebel geworden, um die unerwünschten, alternativen Schulkonzepte in die Ecke zu stellen.

Niemand aber spricht seit Jahren den Elefanten im Raum an: Warum überzeugt diese Schulpolitik inhaltlich noch nicht einmal Menschen in den sozialen Milieus, die mit kostenloser Bildung beglückt werden sollen?

In den Ruf nach kostenloser Bildung haben nun also auch die Grünen auf ihrem Parteitag eingestimmt. Und um das klar zu sagen: Dagegen ist auch gar nichts einzuwenden. Im Gegenteil! Nur wird die Zukunft zeigen, ob die Kostenfreiheit nicht wieder, wie so oft in der Vergangenheit, als technokratischer Hebel dazu eingesetzt werden wird, um inhaltlich die staatliche Einheitsschule, und über diese dann die eigene sozialpolitische Agenda durchzusetzen.

Hier ist Skepsis geboten, zu groß ist die Versuchung, eigene kulturelle und ethische Überzeugungen auf dem Umweg über die Schulbildung durchzusetzen.

Eine Studie zeigt: Eine Mehrheit von Menschen erwartet mehr von Schulen

Wie ausgerechnet in einem Bereich, in dem der Staat nur ein subsidiäres Recht gegenüber der Zivilgesellschaft und dem Erziehungsrecht von Eltern hat, Erwartungen schlicht ignoriert werden, weil sie eigenen Überzeugungen entgegenlaufen, zeigt eine Studie des Institutes Allensbach, die das Zentrum für Ignatianische Pädagogik in Auftrag gegeben hat.

Das überraschende Ergebnis der Studie: Eine eher sogar wachsende, mindestens aber eine stabile Mehrheit der Bevölkerung, auch der Eltern, wünscht sich eine Schulbildung, die einem umfassenderen Bildungsauftrag im Sinne der Förderung der persönlichen Entfaltung gerecht wird.

Das ist, so Heinz Bude in einer Podiumsdiskussion anlässlich der Veröffentlichung der Studie, insofern überraschend, weil zwar das Bildungsbürgertum der Schule immer schon neben dem Elternhaus eine wichtige Rolle in der Förderung der Persönlichkeitsbildung junger Menschen zusprach.

Dass sich aber eine über die Jahrzehnte stabile Mehrheit in der Bevölkerung dafür ausspricht, dass die Förderung der Entfaltung von kritischem Urteilsvermögen, zivilen Tugenden und Charakter ebenso zur Schulbildung gehört wie die schulische Vorbereitung auf ein Berufsleben, zeigt, dass dieses Bildungsideal eben nicht nur eines des klassischen Bildungsbürgertums geblieben ist.

Die repräsentative Studie zeigt aber auch deutlich, dass eine Mehrheit der Deutschen seit langer Zeit bezweifelt, dass Schulen in der Mehrheit dieser Aufgabe gerecht werden. Das aber hat nichts mit mangelnder Qualität zu tun, sondern vielmehr damit, dass die Bildungspolitik sich seit zwei Jahrzehnten verschanzt hinter einem auf Ausbildung fokussierten, funktionalistischen Bildungskonzept. Das bedeutet, am Ende wird die Qualität von Schulen ausschließlich daran gemessen, wie erfolgreich sie empirisch messbare Kompetenzen vermitteln.

Blindheit und Umwege des Staates

Diese Ignoranz erklärt neben manch anderen Blüten der staatlichen Bildungstechnokratie, warum Menschen bis heute auf eine Vielfalt im Bildungssystem setzen, die der Staat nicht abbilden kann. Und es zeigt, warum es zu kurz greift, Schulen in freier Trägerschaft zu verteufeln und über den Umweg der Kostenfreiheit das herrschende, staatliche Schulkonzept durchzusetzen.

Die Zukunft wird zeigen, ob die Grünen, anders als weite Teile der Sozialdemokratie in der Vergangenheit, der Versuchung widerstehen können, den Hebel der Kostenfreiheit technokratisch zur Durchsetzung ihrer inhaltlichen Vorstellungen von Bildung einzusetzen.

Dem Ziel „Bildung für alle“ wäre jedenfalls mehr gedient, wenn aus der Kostenfreiheit von Bildung keine Waffe geschmiedet würde gegen die Vielfalt von Bildungskonzepten und den offenen, inhaltlichen Diskurs um die Ziele schulischer Bildung.

 

Dieser Text ist im Online-Magazin „Sinn und Gesellschaft“ erschienen. Lernen Sie das neue Magazin hier kennen.

 

Bildnachweis: photocase-281026-sor-alex

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