Intensive Reflexion stellt Sozialpraktikum in gesamtgesellschaftlichen Zusammenhang

Von persönlichen Grenzen und Wertkonflikten

Drei Wochen lang nahmen sich die rund 90 Schülerinnen und Schüler der 11. Klasse des Canisius-Kollegs in Berlin Zeit für ein Sozialpraktikum. Ein Praktikum bieten viele Schulen an. Der Unterschied zu anderen Angeboten liegt in der Nachbereitung: Bildungsreferenten aus dem Heinrich Pesch Haus waren direkt im Anschluss in der Schule und reflektierten mithilfe vielfältiger Methoden aus der Bildungsarbeit die Erfahrungen und Erlebnisse: „Dahinter verbirgt sich ein professionelles Konzept von Jugendbildung“, sagt Jana Schmitz-Hübsch, Referentin der Familienbildung im Heinrich Pesch Haus.

Die Schüler/Innen hatten die Möglichkeit, sich ihre Einsatzstelle in den sozialen Einrichtungen, überwiegend aus den Bereichen Krankenhaus, Flüchtlingsarbeit, Kinder, Jugendliche und Senioren oder Menschen mit Beeinträchtigung selbst zu suchen. „Das Sozialpraktikum und die Auswertung verlaufen nach dem Dreischritt Sehen – Urteilen – Handeln“, erläutert HPH-Referent Dr. Jonas Pavelka. Und so startete die dreitägige Auswertungsphase zunächst mit einem gemeinsamen Gottesdienst und dann im Anschluss dem ersten Austausch mit den grundlegenden Fragen: „Wie war es? Was habt ihr erlebt?“ Die Jugendlichen erhielten Reflexionsbögen und fertigten eine Verlaufskurve an, auf der sie Hochs und Tiefs der drei Wochen markierten.

Pavelka arbeitete mit den Jugendlichen, die im Bereich Krankenhäuser ihr Praktikum absolviert hatten. Er erfuhr, dass einige durchaus an ihre persönlichen Grenzen geraten waren, und diskutierte mit ihnen über Werte und Wertekonflikte. So wurde das Praktikum noch einmal in einen gesamtgesellschaftlichen Zusammenhang gestellt.

Gerade im Krankenhausbereich gab es für die Praktikanten zahlreiche Möglichkeiten, sich mit unterschiedlichen Wertevorstellungen auseinanderzusetzen. Etwa in der Frage von Selbstbestimmung und Patientenfürsorge: Wie begegnet man einer Jugendlichen, die unter Magersucht leidet und die Nahrungsaufnahme ablehnt? Ist Zwangsernährung in einem solchen Fall erlaubt? Kontroverse Diskussionen entstanden in der Reflexionsphase auch über das Thema Schwangerschaftsabbruch. „An diesem Beispiel wird deutlich, warum es entscheidend ist, dass bei dieser Veranstaltung keine Lehrkräfte anwesend sind. So ist es für die Jugendlichen leichter, ihre Meinung zu sagen und zu vertreten“, so die Erfahrung von Jana Schmitz-Hübsch.

Sie betreute das Thema „Menschen mit Beeinträchtigung“ und „Inklusion“. In einem Planspiel beleuchtete sie mit den Jugendlichen den fiktiven Fall eines sehbehinderten Mädchens und die Frage, ob sie eine Regelschule oder ein Förderzentrum besuchen sollte. „Ich war überrascht, wie schnell sich die Jugendlichen in eine Rolle eingefunden und kontrovers diskutiert haben“, lobt sie. Nach der Diskussion drehte sich die Arbeit aber sehr schnell um die eigene Schule und die Frage, wie barrierefrei sie ist. „Sehr beeindruckend“ nennt die Bildungsreferentin, was sich in der Aufgabenstellung „Utopiewelt“ entwickelte, also bei der Frage, wie eine voll-inklusive Welt aussehen könnte. Ob und wie sich diese Utopien in die Wirklichkeit umsetzen lassen, auch das wurde thematisiert. Es wurden praktische und kleinschrittige Maßnahmen entwickelt wie das Streichen von Türrahmen mit weißer Farbe oder das Markieren von Treppenstufen, aber auch die eigene Haltung wurde angesprochen.

Engagement für Geflüchtete war ein weiteres Themenfeld, mit dem sich in der Reflexionsphase Kai Stenull auseinandersetzte. Mit Blick auf die Arbeit mit Geflüchteten identifizierten die Jugendlichen Probleme und Wertkonflikte, die sie in ihrem Praktikum erlebt hatten. So wurde diskutiert, inwieweit durch Kameraüberwachung die Sicherheit einer Flüchtlingsunterkunft gewährleistet sein kann. Häufiges Thema war auch die Rolle von Frauen und das Verständnis von Gleichberechtigung in verschiedenen Kulturen.

Ein letzter Abschnitt der Auswertungstage waren Expertengespräche, bei denen die Schüler/Innen noch einmal die Gelegenheit hatten, ihre eigenen Erlebnisse und Gedanken vorzubringen und „überprüfen“ zu lassen. Am Ende waren sie voll zufrieden mit dem Angebot: „Es waren wirklich begeisterte Jugendliche, mit denen wir sehr differenziert arbeiten und diskutieren konnten“, loben Pavelka und Schmitz-Hübsch. Und auf Seiten der Jugendlichen war der Tenor: „Wir konnten uns vorher unter dieser Veranstaltung nicht wirklich etwas vorstellen, aber sind jetzt froh, dass wir die Gelegenheit dazu hatten. Es waren keine verschenkten Tage!“

Foto: © urbancow/iStock.com

 

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