Zur Zugänglichkeit von Schulen in Freier Trägerschaft

Reden wir Tacheles

Ausgehend von Berlin wird eine Studie des WBZ zum Anlass genommen, „Privatschulen“ pauschal die „Förderung der Sonderung von Kindern nach den finanziellen Verhältnissen der Eltern“ zu unterstellen. Die Basis? Eine undurchsichtige Datenlage, ein sperriges Wort und eine Verordnung aus den fünfziger Jahren des letzten Jahrhunderts. „Keines der Kinder“ darf verloren gehen!“ ist ein zentrales Motiv, warum Jesuiten Schule machen. Mit diesem Anliegen fühlen wir uns im Kreis vieler freier Träger in guter Gesellschaft.

In Berlin spart der Staat an allen Schülern bis hin zu Flüchtlingskindern ca. 30 % der Kosten, wenn sie eine Schule in Freier Trägerschaft besuchen. Was der Staat spart, müssen die Träger durch eigenes Engagement, Spenden und Schulgelder aufbringen. Je mehr der Staat an der Grundfinanzierung der Schulen in freier Trägerschaft spart, desto mehr Schulgeld werden diese also nehmen müssen, es sei denn sie gehörten finanzkräftigen Stiftungen oder Konzernen. Am Ende schlägt dann, wie im angelsächsischen Raum, die Stunde der finanzstarken Bildungsunternehmen und jener Eltern, die sich wirklich teure „Eliteeinrichtungen“ leisten. So könnten manche gut gemeinten Ansätze für mehr „Gleichheit“ zum Motor der Spaltung des Bildungssystems werden.

Andere Gerechtigkeitsfragen sind dabei noch gar nicht im Blick: Eltern, die Schulgeld zahlen, finanzieren das Schulsystem ein zweites Mal. Bei den eigenen Kindern ist das bis zu einem gewissen Grad Preis der freien Schulwahl. Enthalten ist in der Regel ein gewisser sozialer Lastenausgleich. Der wird an unseren Schulen mit großer Solidarität mitgetragen. Nimmt man aber den Schulen in freier Trägerschaft mehr und mehr die „Unabhängigkeit“ von den jeweils herrschenden, pädagogischen Vorlieben, die sich in der Logik der Finanzierung staatlicher Schulen spiegeln, oder spart der Staat zu viel an der Grundfinanzierung  dieser Schulen, bleibt nur die Tatsache übrig, dass Eltern abkassiert werden. Gar nicht einzusehen ist, dass der Staat an all jenen Kindern spart, die einen besonderen Förderbedarf haben, also z.B. Lernmittelbefreit sind, wenn die Eltern ihr Recht auf freie Schulwahl ausüben. Hier gäbe es eine unbürokratische Abhilfe: Die Schulgeldübernahme des Staates im Sinne einer 100% Bezuschussung vergleichbarer Kosten zur staatlichen Beschulung für diese Kinder.

Die Zugänglichkeit ihrer Schulen unabhängig vom Geldbeutel der Eltern versuchen die freien Träger auf unterschiedliche Art sicher zu stellen. Nun wird Misstrauen geschürt, das sei Fassade. So wird Druck auf die Schulen in freier Trägerschaft ausgeübt, die soziale Struktur der Schülerschaft z.B. im Parlament zu veröffentlichen. Die Veröffentlichung der Sozialstruktur von Schulen, ob staatlich oder in freier Trägerschaft, unter dem Vorwand staatlicher Lenkungsinteressen leistet aber tatsächlich nur der Stigmatisierung ganzer Schulgemeinschaften Vorschub. Was macht es eigentlich mit jungen Menschen, wenn „ihre“ Schule öffentlich als „Brennpunktschule“ bezeichnet wird? Was macht es umgekehrt mit Schülern unterschiedlichster Herkunft, wenn ihre Schule als „teure Eliteschulen“ abgestempelt wird? Beim Thema „Bildungsgerechtigkeit“ leisten wir uns moralisch aufgeladene Debatten, die ganze Milieus z.B. als „bildungsfern“ stigmatisieren. Es gibt reiche Familien, die ihr dünkelhaftes Statusbewusstsein mit Bildung verwechseln. Und es gibt arme Familien, die ihren Kindern eine sehr gute Bildung ermöglichen, auch an Schulen in freier Trägerschaft.

Es ist erfreulich, dass die Beiträge anlässlich der Veröffentlichung des zweiten Teils der Studie differenzierter geworden sind. Immer noch aber ist ein pauschales Misstrauen gegen freie Träger spürbar. Manche trauen offenbar nur dem Staat zu, soziale Durchlässigkeit zu schaffen. Der schafft seit Jahrzehnten nicht einmal Vergleichbarkeit und Durchlässigkeit unter seinen Schulen herzustellen. Dabei braucht es mehr Kooperation zwischen Staat und freien Trägern, braucht es mehr und nicht weniger Vielfalt, um mehr soziale Durchlässigkeit in unserem Bildungssystem zu schaffen. „Schule für alle“, noch dazu unter dem Vorzeichen wachsender Schülerzahlen, braucht nicht mehr Regulation, sondern mehr Unterstützung zivilen Engagements und mehr Partizipation.

Im Juli 2017
P. Klaus Mertes SJ, Kolleg St. Blasien
P. Tobias Zimmermann SJ, Canisius-Kolleg Berlin
P. Johann Spermann SJ, Zentrum für ignatianische Pädagogik Ludwigshafen

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